Der Ölberg am Dom zu Speyer

Was der Ölberg zeigt

Der Ölberg stellt die Nacht vor der Kreuzigung dar: Jesus betet im Garten Gethsemane am Fuß des Ölbergs, während die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes schlafen. Er bittet, der Kelch des Leidens möge an ihm vorübergehen – „doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe" –, ein Engel vom Himmel erscheint und stärkt ihn. Dann kommt Judas mit den Häschern, um ihn festzunehmen (Matthäus 26,36–56; Markus 14,32–52; Lukas 22,39–53). In Speyer ist diese Szene nicht als Relief, sondern als begehbare Felsenlandschaft mit lebensgroßen Figuren gestaltet: Das Drama des Gründonnerstagsgeschehens ist „in der Art einer Schaubühne in sechs Bildern" um den Felsen herum angeordnet – Anfang und Ende gleichzeitig sichtbar, der betende Christus mit dem Engel, die drei schlafenden Jünger, Judas und die anrückende Schar. Wer das Monument umschritt, konnte das Geschehen mitverfolgen; solche lebensnahen Darstellungen dienten um 1500 dem Mitleiden und Mitempfinden der Passion Jesu. Im Inneren des Felsens liegt eine kleine, dem Erzengel Michael geweihte Kapelle; an ihrem Altar wurde am Gründonnerstag, dem Fest des Ölberggeschehens, Messe gelesen. Der englische Reisende Thomas Coryate nannte den Ölberg 1608 „eines der feinsinnigsten Kunstwerke Europas".

Die Geschichte in Kürze

Eine Stiftung des Domherrn Wipricht von Finsterloe gab 1504 den Anstoß. Den Entwurf lieferte der Heilbronner Bildhauer Hans Seyfer, der im März 1509 starb; sein Bruder Lenhart Seyfer führte die Figuren weiter, den Bau übertrug das Domkapitel dem kurpfälzischen Baumeister Lorenz Lechler. Am 7. Mai 1509 wurde der Grundstein gelegt, 1511 war der Ölberg vollendet: ein sechseckiger Baldachin über einem fast acht Meter hohen Felsen mit 21 Figuren, Pflanzen, Tieren und einem in Stein gehauenen Weidenzaun. Zeitgenossen zählten ihn zu den Sieben Weltwundern; er habe „so viel wie einst eine Kleinstadt" gekostet. 1689, im Pfälzischen Erbfolgekrieg, und nochmals 1793/94 in der Französischen Revolution wurde der Ölberg zerstört. Erhalten blieben Unterbau, Felsenlandschaft und Kapelle sowie fünf beschädigte Figuren – Christus, Judas und die drei schlafenden Jünger. 1871 beauftragte das Domkapitel den Speyerer Bildhauer Gottfried Renn mit der Wiederherstellung. Nach den erhaltenen Resten, den Göttinger Zeichnungen und einer Beschreibung von 1654 schuf er bis 1888 die Figuren neu; die beschädigten Originale kamen ins Historische Museum der Pfalz. Der gotische Baldachin wurde nicht rekonstruiert; der Ölberg trägt heute ein Zeltdach von 1961.

Sanierung 2026 – ein Jubiläumsprojekt

Zu seinem 30-jährigen Bestehen 2025 hat der Dombauverein Speyer die denkmalgerechte Instandsetzung des Ölbergs zu seinem Jubiläumsprojekt gemacht. Am Berg mit seinen Figuren wurden die 18 Skulpturen gereinigt und konserviert, Fehlstellen bildhauerisch ergänzt und der verlorene Heiligenschein der Christusfigur neu geschaffen. Kopf und Kelch des Engels wurden nach dem erhaltenen Bozzetto Gottfried Renns passend zu den übrigen Figuren neu gestaltet. An der umgebenden Architektur wurden Sockel und Zaunanlage instand gesetzt, die hölzerne Dachschwelle konserviert und eine neue Beleuchtung eingebaut. Neu gesetzte Stauden fassen die Anlage ein. Für jede Figur hat sich ein Pate gefunden, und viele weitere Speyerer Bürgerinnen und Bürger haben gespendet – gemeinsam haben sie dazu beigetragen, dass der Ölberg für kommende Generationen erhalten bleibt.

 

Text: Marta Schiedermaier, Architektin

Bild: Der Ölberg im Kreuzgang des Speyerer Doms, Federzeichnung um 1600 (Graphische Sammlung der Universität Göttingen)·

Quellen: Katharina Laier-Beifuss, Der Ölberg zu Speyer, in: Hans Seyfer. Bildhauer an Neckar und Rhein um 1500, Heilbronn 2002, S. 82–95 · Pfälzisches Klosterlexikon, Bd. 4, Kaiserslautern 2017, S. 201 und 223–224 · Herbert Dellwing, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Bd. 1 Stadt Speyer, Düsseldorf 1990, S. 37–38.