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1.Wiss. Forum (Vortrag) 2009

Vortrag Dr. Markus Weis, München, am 14. Mai 2009

In den bisherigen Vorträgen der Reihe „Wissenschaftliches Forum Kaiserdom“ stand primär der mittelalterliche Dombau im Mittelpunkt des Interesses. Nun widmete sich Dr. Weis am 14. Mai erstmals den Bauerhaltungsmaßnahmen in der Barockzeit. „Wiederaufbauprojekte für den Dom zu Speyer. Denkmalpflege im 18. Jahrhundert“ lautete der Titel des sehr gut besuchten Vortrages; 1. „Wissenschaftliches Forum Kaiserdom 2009“. Unter den Gästen weilten gleich fünf Domkapitulare: Domkustos Peter Schappert, Domdekan Dr. Christoph Kohl, Karl-Ludwig Hundemer sowie die Domkustoden im Ruhestand Hubert Sedlmair und Otto Schüssler.

Der Referent, Hauptkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München sowie Lehrbeauftragter an der TU München und der Universität Augsburg, erwies sich als ausgewiesener Kenner des Domes. Der Kunsthistoriker hatte sich in zahlreichen Publikationen mit dem Dom zu Speyer im 18. Jahrhundert auseinandergesetzt. Nicht zuletzt durch seiner Heidelberger Dissertation von 1988 „Der Bruchsaler Hofarchitekt Johann Leonhard Stahl (1729-1774) und die Bautätigkeit im Fürstbistum Speyer unter Franz Christoph Kardinal von Hutten“ war er geradezu prädestiniert für diese Fragestellungen.
Zunächst skizzierte der Referent die umfangreichen Sicherungsmaßnahmen, die nach der Zerstörung des Domes 1689 notwendig waren. In dieser ersten großen Phase der Wiederherstellung um 1700 wurden (u.a.) über den erhaltenen Ostteilen des Domes, Altarhaus, Querhaus und fünf Joche des Langhauses neue Dächer errichtet, das unterbrochene Langhaus durch eine Trennwand von der offenen Langhausruine geschlossen, die Vierungskuppel umfassend restauriert, dabei - um das Mauerwerk zu erleichtern - alle Fenster vergrößert. Involviert in diese Arbeiten war auch der Baumeister des Bruchsaler Schlosses, Domenico Egidio Rossi. Nach dem - auf Vorschlag des kurpfälzischen Baudirektors Nicolas de Pigage erfolgten Abbruch der Westfassade (bis zur Höhe des Untergeschosses) im Jahre 1755 - wurden, so Dr. Weis, unter Leonhard Stahls Leitung, sämtliche Vierungspfeiler durch Unterzüge bzw. Mauervorlagen verstärkt.

Sehr aufschlussreich waren die Ausführungen des Referenten zu den Entwürfen namhafter Künstler, die Dom-Westfassade neu zu errichten. Pläne legten der fürstbischöfliche Baumeister Leonhard Stahl, der Mainzer Architekt Johann Valentin Thomann, der Würzburger Architekt Franz Ignaz M. Neumann, Sohn des berühmten Balthasar Neumann und der am kurpfälzischen Hofe tätige Bildhauer und Architekt Peter Anton von Verschaffelt vor. Diese Entwürfe mit unterschiedlich ausgearbeiteten Varianten (Stahl legte allein drei modifizierte Pläne zur Westfassade vor) folgten zum einen spätklassizistischen Tendenzen, dagegen zeigte sich der Fassadenentwurf Verschaffelts (1765) von römischen Barockkirchen inspiriert. Verschaffelt, der Schöpfer des (zerstörten !) barocken Hochaltars, legte auch Pläne für eine völlige Umgestaltung des Dominnern vor. Radikale Eingriffe in das mittelalterliche Baugefüge, so Dr. Weis, wären die Folge gewesen. Die Mittelschiffpfeiler und die Innenwände beispielsweise wären mit einer Blendarchitektur und zeittypischem Stuck überdeckt worden. Dem Speyerer Dom wäre somit eine gänzliche Barockisierung widerfahren wie dies 1724/25 beispielsweise mit dem Dom zu Freising geschah.

Domentwurf Zeichnung Der Referent erläuterte ferner, wie nach dem Jahre 1770, d.h. mit dem Amtsantritt Bischofs August von Limburg-Stirum, der Wiederherstellungsgedanke am Dom neue Kraft erfuhr. Durch Franz Ignaz M. Neumann erfolgte 1772-1778 der Neubau des westlichen Langhauses nunmehr in genauem Anschluss an die erhaltenen romanischen Ostjoche. „Als ein außergewöhnliches Beispiel der `Denkmalpflege´ vor dem Entstehen der Denkmalpflege“ wird diese Baumaßnahme in der Fachliteratur bezeichnet. Der barocke Westbau Neumanns wurde schließlich 1854-1858 durch den neuromanischen Westbau von Heinrich Hübsch ersetzt.

Dr. Weis wies noch auf eine bemerkenswerte Tatsache hin: Zur gleichen Zeit als diese Speyerer Domprojekte diskutiert wurden, verfasste Johann Wolfgang von Goethe in Straßburg seinen berühmten Hymnus auf Erwin von Steinbach mit dem eine Neuentdeckung der mittelalterlichen Baukunst einsetzte.

Der Dombauverein Speyer e.V. dankt herzlich der Kreis- und Stadtsparkasse Speyer für gute Zusammenarbeit, das Sponsoring, die Möglichkeit im Augustinersaal der Sparkasse die Vortragsreihe durchzuführen und für die freundliche Bewirtung.

„Westbauprojekt“ Stahls vom März 1772. Speyer, Historisches Museum der Pfalz

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